Deine eigene Mitte – im körperlichen Gewahrsein

In manchen Lebenslagen verrutscht unsere Wahrnehmung und wir verlieren den Bezug zur eigenen Mitte. In vielen Fällen ist das gar nicht schlimm, z.B. wenn wir Menschen haben, die uns wohlwollend begegnen oder für Entspannung sorgen, also wenn sich die Dinge zum größten Teil harmonisch darstellen. Mitunter fühlt sich eine gewisse Form von Selbstvergessenheit sogar ziemlich berauschend an. Es gibt aber auch Situationen, in denen der Verlust der eigenen Mitte mit einem Gefühl des Unwohlseins verbunden ist oder zu Konflikten in der Begegnung mit anderen Menschen führt. Wir fühlen dann nicht mehr, was wir wirklich brauchen und verstricken oder verbeißen uns in unseren emotionalen Reaktionen. Doch was bedeutet eigentlich: bei sich selbst sein und bleiben?

Jedem Menschen ist von Natur aus ein Raum und damit kleinstmöglicher Radius gegeben, nämlich der eigene Körper. Er bindet uns an einen konkreten Platz im Hier und Jetzt.

Verbindung über den eigenen Körper

Über unseren Körper und seine Sinne können wir uns jederzeit mit unserem inneren Erleben in Verbindung bringen. Selbst wenn unser Geist davoneilt und uns vom jetzigen Moment entfernt, schaffen wir über das körperliche Gewahrsein eine Rückverbindung zu gegenwärtigen Augenblick mit all seinen Impulsen, Gedanken und Gefühlen. Wir sind dann automatisch offen für alles was „draußen in der Welt“ passiert.

Bei sich zu sein ist ein Gleichgewicht zwischen dem inneren Erleben und der Wahrnehmung dessen, was draußen passiert, also dem „Eintunen“ auf eine andere Person.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, dieses Gleichgewicht herzustellen und ein besseres Körpergewahrsein zu entwickeln:

  • Sobald sich Unsicherheit oder Nervosität einschleichen: Bewusst ausatmen und spüren, wie die ausgeatmete Luft den ganzen Körper ausfüllt. Damit sind wir sofort präsent und mit unserem ganzen Wesen verbunden.
  • Die Haltung des Körpers anpassen. Dabei spielt unser Kopf als Sitz unseres Gehirns und damit der Sinneswahrnehmungen eine zentrale Rolle. Eine Zentrierung des Kopfes in eine aufrechte Stellung (die Wirbelkörper gleiten übereinander, der eigentliche Schwerpunkt ist etwas weiter vorne) und die Streckung der Halswirbelsäule führen dazu, dass er wie eine Lotusblüte auf dem Ganges balanciert. Die Haltung ist weich, aber dennoch klar und sehr präzise.
  • Die Beschäftigung mit unseren Füßen erdet und verbindet mit dem eigenen Inneren. Sind unsere Zehen entspannt oder gekrallt? Welcher Part des Fußes ist mit dem Boden unter uns verbunden?
  • Kiefer und Schultergelenke entspannen.
  • Sich bewusst machen: Wie wirkt das, was mein Gegenüber sagt, auf mich? Welche Körperreaktionen lösen seine Worte in mir aus? Über diese Beobachtung kommen wir vom reinen Denken ins Fühlen. Und verlieren dabei trotzdem nicht den roten Faden im Gespräch!
  • Sind wir alleine, bietet es sich an, zwischen unseren Gedanken Platz zu schaffen für einen Atemzug. Dabei lässt sich feststellen, dass wir nicht mehrere Gedanken gleichzeitig haben können – selbst wenn einer davon den nächsten geradezu jagt. Auch unsere Gedanken sind eine Form des körperlichen Ausdrucks. Im Body talk untersuchen wir, welche Gefühle diese Gedanken mit sich bringen.

Das „bei sich sein“ betrifft nicht nur uns selbst, sondern auch das Setting, in dem wir uns gerade befinden und die Emotionen für unser Gegenüber. Auch hier können wir unser Körpergewahrsein schulen:

  • Es hilft uns, wenn wir gleichzeitig mit uns und unserem Gegenüber verbunden sind. Achtsamkeit für den anderen drücken wir z.B. aus, indem wir unser Brustbein nach vorne rücken und damit den Bereich zwischen unseren Rippen öffnen. In dieser Haltung entwickeln wir automatisch mehr Empathie und Empfänglichkeit.
  • Sich innerlich auf den Prozess der Begegnung einlassen: Was gibt die Situation her, wie stellt sie sich für mich in diesem Augenblick dar?
  • Eine entspannte Grundhaltung erzeugen (wichtigste Voraussetzung für harmonische Begegnungen!). Wir entdecken dabei, dass Entspannung und „bei sich sein“ nicht ohne einander existieren können. Aus einer philosophischen Perspektive betrachtet, wäre diese besondere Art der Entspannung die Brücke zum non-dualen Sein. Gleichzeitig beseelt Harmonie die Situation und bringt Lebendigkeit sowie Kreativität in das Miteinander.

Jeder Augenblick bietet die Chance der spirituellen Erfahrung –  unabhängig davon, ob er als angenehm empfunden wird oder Widerstand in uns erzeugt. Ich bezeichne diese Erfahrung gerne als ein „nach Hause“ kommen.

Was passiert, wenn wir nicht bei uns sind?

Der Rückzug ins Schneckenhaus

Eine drastische Folge der mangelnden Verbundenheit mit uns selbst ist der Rückzug in das eigene Schneckenhaus. Man könnte fälschlicherweise annehmen, dass dieser Rückzug eine besonders intensive Form des „bei sich sein“ darstellt. Das Gegenteil ist der Fall. Indem wir uns in uns zurückziehen, schneiden wir uns vom Fühlen und dem Kontakt mit dem Außen ab. In der Folge verkleinern wir den inneren Raum und verzichten auf das natürliche Recht, uns der Dynamik des Lebens und der damit verbundenen Gefühle hinzugeben. Sprich: Wir verzichten auf uns selbst.

Auch hier ist die Rückkehr zum Atem die beste Soforthilfe. Sobald wir tief ein- und ausatmen, vergrößert sich unser Raum und die inneren Verkrampfungen lösen sich auf. Denn: nahezu jedes unangenehme Gefühl entspannt sich durch die Anerkennung dessen, was in diesem Moment da ist.

Wenn uns das gelingt, öffnen wir ein Fenster in die Welt nach draußen: für die Menschen, denen wir begegnen und die Situationen, in denen wir uns befinden. Wir können ihnen anders gegenübertreten und ihre Gedanken, Gefühle und Absichten in uns selbst wahrnehmen. All das geschieht immer über unseren Körper.

Die Verstrickung mit dem Gegenüber

Eine weitere Folge der mangelnden Verbundenheit mit uns selbst ist die Verstrickung mit unserem Gegenüber. Bildlich gesprochen sind wir zu nah „rübergerutscht“ zum anderen Menschen oder haben uns zu weit aus dem Fenster gelehnt. Wir geben ihm viel Platz im Inneren, berücksichtigen aber unseren eigenen Raum nicht (mehr) ausreichend. Warnende Körperreaktionen, die uns auf diesen Missstand hinweisen wollen, nehmen wir nicht wahr. Es ist, als ob wir uns selbst vergessen hätten und der andere zu tief „in uns drin säße“. 

Wenn wir uns in einem Moment des Rückzugs wieder mit uns selbst verbinden, können wir den anderen da lassen, wo er ist.

Das Fazit lautet: „Bei sich sein“ ist ein Balanceakt, in welchem wir unsere Grenzen immer neu austarieren. Es ist ein tägliches Experiment, in dem wir mit uns selbst und dem Außen verbunden bleiben. Durch die Kultivierung unseres Körpergewahrseins üben wir den Wechsel zwischen diesen beiden Polen spielerisch. Der Weg darf gleichzeitig Spaß machen und Sicherheit vermitteln.

Ich wünsche dir ganz viel Spaß bei der Entwicklung dieser Körperachtsamkeit und der Entdeckung dessen, was sie dir über dich und die Welt verrät.

Noch mehr zum Thema …

Im Podcast #036 wenden wir uns unsere Wahrnehmung zu, weil wir den Bezug zur eigenen Mitte verlieren. Was bedeutet eigentlich: bei sich selbst sein und bleiben?

In diesem podcast erfährst du:

  • wieso der Körper der Schlüssel zur Achtsamkeit ist
  • wie du auch in schwierigen Situationen bei dir bleiben kannst.
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