Was passiert mit der Wahrnehmung, wenn wir Angst empfinden?

In den letzten Sessions habe ich mich mit dem unangenehmen Gefühl der Angst auseinandergesetzt – und unseren häufigsten Reaktionen, um diese unliebsame Emotion so schnell als möglich loszuwerden. Heute wenden wir uns inhaltlich verwandten Aspekten zu: der radikalen Veränderung unserer Wahrnehmung, sobald wir Angst haben und einer spirituellen Sichtweise auf dieses Phänomen.

Wenn es uns gut geht, ist unser Geist offen. Ich beschreibe diesen Zustand gerne als eine „Wachsamkeit im entspannten Sein.“ Alle unsere Sinne sind aktiviert und wir können viele Dinge gleichzeitig registrieren, ohne sie dabei auf irgendeine Art zwanghaft festhalten zu wollen. Unsere Wahrnehmung ist geprägt von Breite, Tiefe und Durchlässigkeit. So fällt es uns beispielsweise leicht, erst einen Vogel singen zu hören und unmittelbar danach eine tiefe Stille wahrzunehmen. Physiologisch gesprochen wechseln wir dabei von einem auditiven Reiz zum nächsten. Aus einem spirituellen Blickwinkel erleben wir tiefe Verbundenheit mit allem was ist. Das ist ein Zustand, der einem wahren oder erleuchteten Sein sehr nahe kommt. Wir erleben ihn auch als Glücklich-Sein.

Stell dir z.B. vor du sitzt vollkommen entspannt am Strand:

  • Du BETRACHTEST die sich brechenden Wellen.
  • Deine Augen SEHEN das intensive Blau des Himmels.
  • Du SPÜRST die Wärme auf deiner Haut.
  • Du hast den GESCHMACK eines leckeren Sandwichs im Mund.
  • Du HÖRST den Vogel, der gerade sein Lied singt.

Alle deine Sinne sind auf Wahrnehmung gepolt und du bist vollkommen entspannt im Hier und Jetzt.

Was passiert, wenn Angst sich deiner bemächtigt?

Zustände von Angst kommen manchmal eher schleichend, ein anderes Mal ganz plötzlich in unser System.

So kann sich dir beim entspannten Sitzen am Strand z.B. der Gedanke aufdrängen, dass deine Eltern schon älter sind und erkranken könnten. Dir wird bewusst, dass sie wie wir alle irgendwann einmal sterben werden.

Und dann ist auf einmal anders: Die Angst schleicht sich in dein System. Ein Gedanke jagt den nächsten, die Bedrängnis nimmt zu und wird immer stärker. Das ist der Beginn der so genannten „Angstspirale“.

Die Angst kann dich aber genauso gut ad hoc durch einen externen Auslöser anfallen. In unserem Falle wäre dies vielleicht der Anruf deines Chefs, der dir mitteilt, dass dein Arbeitsplatz gefährdet ist.

Was geschieht mit unserer Wahrnehmung in Situationen der Angst?

Alles, was zuvor mit Leib und Seele wahrgenommen wurde, ist auf einmal wie weggeblasen. Du bist zwar weiterhin in der Lage, das Singen des Vogels am Strand zu hören, nimmst es aber nicht mehr wirklich „in dir“ wahr. Dein Fokus ist vollkommen auf das Gefühl der Angst und die begleitenden Körperempfindungen gerichtet. Du bist verspannt, fühlst dich schutzlos oder ohne Hülle, deine Energie ist verloren gegangen oder du zitterst und kannst nur noch schwer atmen. Der allumfassende Blick auf die Verbundenheit mit allem Lebendigen geht verloren, wir empfinden uns nicht länger im Einklang mit der Natur. Wir können nur noch uns und unsere Angst sehen und wählen damit unbewusst die „kleinstmögliche“ Variante innerhalb aller möglichen Perspektiven.

Schmerzlicher Zustand der Trennung

Aus spiritueller Sicht erleben wir einen Zustand der Trennung. Uns wird schmerzlich bewusst, dass wir alleine sind, uns unsicher fühlen und wenig Kontrolle über die Dinge im Außen haben. Je enger wir unseren Fokus in diesem Moment einstellen, desto stärker kultivieren wir diese Trennung.

Die begleitenden Körperempfindungen erleben wir als sehr real, im Advaita Vedanta sprechen wir von einer Sub-Realität. Anders verhält es sich mit unseren Gedanken: Sie entsprechen niemals vollumfänglich der prognostizierten, angstmachenden Realität und schon gar nicht der diesem Moment innewohnenden tatsächlichen Wirklichkeit.

Was kann sich vollziehen, wenn wir unseren (erneut) Fokus erweitern?

… und was würde geschehen, wenn wir in unserer Wahrnehmung wieder offener wären, gleichzeitig aber die Körperempfindungen der Angst einfach „da sein“ ließen?

Wir könnten unsere Umgebung wieder wahrnehmen und uns selbst. Und auch unsere Angst würde zum Teil des Großen und Ganzen, weil sich „Einheit“ dazu gesellt. Dadurch würde sie einen Teil ihrer Bedrohlichkeit verlieren. 

In Podcastfolge #34 zeige ich dir einige konkrete Übungen für Situationen, in denen du Angst empfindest. Du wirst lernen, wie du deine Sinne trotzdem aktivieren kannst.

Bis dahin wünsche ich dir viel Spaß beim Experimentieren mit deiner Wahrnehmung in der Angst.

Noch mehr zum Thema …

Im Podcast #034 wenden wir uns inhaltlich verwandten Aspekten zu: der radikalen Veränderung unserer Wahrnehmung, sobald wir Angst haben und einer spirituellen Sichtweise auf dieses Phänomen.

  • wie sich unsere Wahrnehmung verhält, wenn wir entspannt sind
  • was passiert, wenn Angst ins System kommt
  • was eine spirituelle Sichtweise auf das Thema gekennzeichnet.
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