Einfach genügen: Vier Schritte aus dem Tao Te King

Die Frage, ob wir genügen, ist eine der am häufigsten und dringlichsten gestellten überhaupt. Sie zeigt sich in verschiedenen Facetten: Habe ich genug getan für meine Karriere? Sehe ich gut genug aus? Bin ich auf dem Weg zur inneren Erleuchtung spirituell engagiert genug bzw. investiere ich ausreichend in meine Persönlichkeitsentwicklung? All diesen Fragen – und sie zeigen sich in deutlich mehr Facetten als den hier genannten – liegt ein Merkmal zu Grunde: Ein Zustand des Mangels. Dieser Mangel verstärkt sich indem wir versuchen, ihn zu verändern: „Jeder Gedanke des Nicht-Genügens produziert noch mehr Nicht-Genügen.“ Dies geht mit Stress, manchmal sogar mit Habgier oder mit Frust einher.

Interessanterweise unterscheidet der Zustand des Nicht-Genügens NICHT zwischen existentiellen Fragen und scheinbaren Belanglosigkeiten. Er bezieht sich sowohl auf uns selbst als auch auf andere Menschen: Entweder bekommen wir selbst nicht genug oder nicht genug von anderen.

Das Tao Te King schreibt dazu:

Vom Genügen

Wenn die Welt dem rechten Pfad folgt

ziehen die Pferde den Jauchewagen

Wenn die Welt den rechten Weg verlässt

züchtet man Streitrosse an den Grenzen

Keine größere Schwäche als das Begehren

Kein größeres Unheil als Unzufriedenheit

Keine größere Sünde als die Habgier

Erkenne darum

dass genug genug ist

und immer genügen wird

Drei Konsequenzen des Nicht-Genügens

  1. Wir verlassen die Harmonie. Wir entfernen uns von dem, was eigentlich vorgesehen ist. In der Gesellschaft oder in der Natur. Etwas, das nicht förderlich ist, übernimmt die Führung: Meist ist das der Wunsch, etwas überaus Großes zu erschaffen. Die Habgier, die in Gewalt endet, übernimmt die Zügel. Der Navigator fehlt – das Nicht-Genügen dominiert auf eine aggressive Art und Weise. Die Mitte, in der das Ungenügen zu Hause sein darf, geht verloren. Manchmal nimmt das Ungenügen „kleinere Formen“ an – wir stressen uns zu sehr, überlasten unser Nervensystem oder fordern zu viel von anderen.

All das ist etwas gänzlich anderes, als die Pferde, die den Jauchewagen ziehen – um zu gestalten, zu formen und sich den Aufgaben des Lebens zuzuwenden.

  1. Wir schwächen uns selbst – und manchmal auch andere. In der Lehre von den Chakren ist das Wurzelchakra das Äquivalent zu Fülle, Zufriedenheit und Genährt-Sein. Es hat direkte Auswirkungen auf unsere Beine, auf das „im Leben stehen“. Verfügen wir über die Qualität der Fülle, strahlt diese in unsere Psyche hinein: „Wir haben die Kraft, den Dingen nachzugehen“. Wir sind keineswegs passiv, sondern vielmehr in der Lage im Einzelfall zu unterscheiden: Wann dient es der Sache zu handeln und wann können wir zufrieden sein. Auch diese Fähigkeit zur Entscheidung ist mit dem Wurzelchakra verbunden. Wer dieses stärkt, ruht in Genügsamkeit. Wer psychologisch an der Fähigkeit arbeitet, tut seinem Chakra etwas Gutes.
  2. Wir vermiesen uns die Momente. Wenn sich das Nicht-Genügen in uns ausbreitet, legt sich ein Schatten auf die konkrete Situation. Das ist sehr schade.

Wie kommen wir in den Zustand des Genügens? Was das Tao Te King uns lehrt

  1. Wir müssen uns die Zeit nehmen, den Zustand des Genügens wirklich kennenzulernen. Eine gute Übung dafür sind Mahlzeiten. Irgendwann stellt sich ein „es ist jetzt genug“ ein – selbst wenn wir dazu neigen, über unseren Appetit hinaus zu essen. Das Gefühl der Sättigung entspannt uns. Wir können dann beginnen, es auch auf andere Situationen zu übertragen oder in jedem Augenblick wahrzunehmen. Wir erfahren Zufriedenheit und dürfen den zu Grunde liegenden Moment voll auskosten.
  2. Wir müssen einen Irrtum auflösen. Und zwar jenen, dass unser Geist ständig suggeriert: „Es ist nicht genug“. Am besten üben wir das an den kleinen Störenfrieden unseres Alltags, bevor wir uns an die großen Themen des Lebens wagen. Dabei machen wir die Erfahrung, dass wir die Lehren aus Kleinigkeiten auf weitreichende Fragen übertragen können. Vielleicht spielt unser Geist uns mit seinen ewigen Suggestionen des Nicht-Genügens einen Streich? Und ist es genug, was wir abgeliefert haben oder von anderen erhalten? Es ist dabei hilfreich, den Zustand der Zufriedenheit auf diese Situationen zu übertragen.
  3. Wir dürfen uns auf unsere neuen Erfahrungen verlassen. Das bedeutet, das Erlernte immer wieder neu zu praktizieren. Wir erinnern uns in Momenten der Unzufriedenheit daran, wie wir in vorherigen schwierigen Situationen das Element des „Genügens“ erfahren haben. Daran können wir dann anknüpfen. Wir erleben, dass das Gefühl des „Nicht-Genügens“ schon früher trügerisch war. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit positives Feedback erhalten, obwohl wir das Gefühl hatten, unser Engagement habe nicht ausgereicht. Im Kontakt mit anderen Menschen ist das ähnlich: Wir wissen häufig nicht, ob das was wir taten, für andere nicht doch dienlich war – obwohl wir selbst mit unserem Handeln unzufrieden sind.
  4. „Erkenne darum, dass genug genug ist und immer genügen wird.“ Hier kommen wir noch einmal zurück auf den Schluss der Abhandlung aus dem Tao Te King. Eigentlich ist mit diesem Satz schon alles ausgedrückt, was zu sagen ist. Es kann nur so viel da sein, wie gerade eben da ist. Wir können nur so viel leisten, wie wir genau jetzt leisten und nur so viel geben, wie wir es aktuell tun. Und wir können nur so viel haben, wie wir gerade haben. Alles ist so, wie es gerade ist – nämlich ausreichend. Unsere Aufgabe ist es, die Fülle darin zu entdecken.

Wenn wir annehmen, was gerade um uns herum ist, sind wir in Harmonie und können die Welt zu einem besseren Ort machen. Das Tao Te King sagt: Wenn wir genügen, dann sind wir wirklich stark.

Vier Schritte aus dem Tao Te King

Im Podcast #053 behandeln wir die Frage, ob wir genügen. Sie zeigt sich in verschiedenen Facetten: Habe ich genug getan für meine Karriere? Sehe ich gut genug aus? Bin ich auf dem Weg zur inneren Erleuchtung spirituell engagiert genug bzw. investiere ich ausreichend in meine Persönlichkeitsentwicklung? All diesen Fragen haben eines gemeinsam: Ein Zustand des Mangels.

  • was das Tao Te King zum Genügen sagt
  • wohin uns das ständige Gefühl von Nicht-Genügen führt
  • wie wir einen Zustand des Genügens in uns kultivieren können
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