Warum wir Dinge manchmal auf die lange Bank schieben

Wir kennen es alle: Die Tatsache, manche Dinge einfach nicht anzupacken, obwohl wir nicht umhin kommen. Welche psychischen Prozesse sind dabei am Wirken? Warum gelingt es uns nicht, manchen kreativen Impuls tatsächlich umzusetzen?

Ich hatte zu diesem Thema erst neulich ein Coaching, das ich als sehr inspirierend empfunden habe. Eine Klientin, die ihre Steuererklärung machen wollte (der Abgabetermin stand kurz bevor), berichtete mir, dass sie es einfach nicht schaffe, mit der Bearbeitung zu beginnen. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Anlauf nahm, fing sie an zu backen. Nach dem Backen wurde gegessen und danach war sie zu „voll“ oder zu „müde“. Man könnte auch sagen für die Aufgabe „tot gegessen“.

Bei der Erforschung ihres Anliegens stießen wir bald darauf, dass sie einen sehr strengen Vater hatte, der ihr keine Fehler erlaubte. Vor der Bearbeitung der Steuererklärung beschlich sie eine „alte Angst“ – nämlich die, nicht zu bestehen, es nicht richtig zu machen. Wir nennen das eine Internalisierung der väterlichen Stimme. Mit der Konsequenz: „Lieber mache ich die Dinge nicht, bevor ich sie falsch mache.“

In diesem Zusammenhang kamen mir alle Menschen in den Sinn, die mir so häufig berichten: „Ich würde so gerne eine Reise machen“, „Ich würde gerne wieder töpfern“ oder „Ich habe Lust erneut Tango zu tanzen“ – es aber niemals tun. Häufig steckt die Angst dahinter, dass das was innig ersehnt wird, ohnehin nicht klappt. Dass wir Fehler machen und  dann innerlich wie bestraft werden. Dann beginnen wir gar nicht erst damit, unser Anliegen umzusetzen.

Dabei wäre es hilfreich, sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir eben nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Sollten uns Fehler unterlaufen, dann „passiert das halt“ – die Arbeit hat aber dennoch ihren Wert. Wir sind ganz einfach menschlich.

Interessanterweise erlebte die Klientin diese Angst vor dem Scheitern oder Versagen beim Backen nicht. Selbst wenn der Kuchen oder das Brot nicht perfekt gelungen sind, hat sie das Gefühl, einfach zu „experimentieren“. Es gibt keine Fehler – nur ein Tun und die Erfahrung des Tuns. Das Backen macht ihr Spaß, sie erfährt also keinen Leistungsdruck. Das dahinterliegende Wertesystem ist definitiv ein anderes als das, welches beim Gedanken an die dringende Steuererklärung aktiviert wird.

Im Falle der Klientin kamen wir voran, indem wir feststellten, dass das Backen für sie eher mit der Mutter verbunden war. Die Mutter schimpfte nicht so viel und war weniger streng.

Es scheint als ob wir bei unterschiedlichen Tätigkeiten auf verschiedene Weise konditioniert sind. Bei manchen Aufgaben dürfen wir uns einfach keinen Fehler erlauben, bei anderen – die eher lustbetont ablaufen – ist es völlig in Ordnung, nicht alles richtig zu machen.

Ich fragte meine Klientin, was sie brauchen würde, um den Spaß an der Tätigkeit des Backens auf die Steuererklärung übertragen zu können. Sie hatte daraufhin die Idee, etwas von der Lust und Kreativität an der praktischen Arbeit in das Setting der Steuererklärung zu transportieren. Konkret sagte sie: „Vielleicht könnte ich mir eine Kerze anzünden oder den Schreibtisch so ans Fenster stellen, dass ich eine schöne Aussicht habe und ich mein Tun nicht als komplett unsinnlich empfinden muss. Eventuell könnte ich auch etwas von dem Kuchen oder Brot genießen, das ich vorher gebacken habe. Damit könnte ich das weibliche Prinzip der Kreativität entfachen. Und ich würde damit innerlich etwas zurücktreten von meiner Angst vor dem Ergebnis und der Befürchtung zu scheitern. Dann würde ich mich zwar auf die Tätigkeit konzentrieren und nach bestem Wissen und Gewissen agieren, aber mehr Gelassenheit an den Tag legen. Denn wir haben ohnehin nicht alles im Griff.“

Die Klientin ging recht glücklich aus unserer Sitzung und ich war es auch. Eines möchte ich mir merken: Den Fokus mehr auf das zu legen, „etwas einfach zu tun oder auszuprobieren“ und weniger auf die aufkeimende Befürchtung: Was mache ich, wenn es nicht klappt?

Vielleicht gelingt mir dann mehr Nachsicht mit mir selbst. Etwa wenn ich mit dem Malen beginne und feststelle, dass es mir nicht recht gelingt. Wäre es nicht eine Möglichkeit, schon den Moment des „Pinsel-in-die-Hand-nehmens“ zu würdigen und nicht nur das Ergebnis oder Produkt?

Vielleicht gelingt es dir, die Dinge mit etwas weniger Angst vor dem Scheitern anzugehen – Pflichtthemen aber auch Seelen- oder Herzensprojekte. Und vielleicht kannst du dir auch zunächst Unangenehmes mit einem schönen Setting angenehmer machen

Wert und Grenzen einer Meinung

Im Podcast #064 geht es um Prokrastination – Dinge einfach nicht anzupacken. Welche psychischen Prozesse sind dabei am Wirken? Warum gelingt es uns nicht, manchen Impuls tatsächlich umzusetzen?

  •  was sich häufig verbirgt Dinge aufzuschieben
  • Dinge durch ein selbst gewähltes Setting gestalten
  • mehr Fokus auf das Tun als auf das Ergebnis richten
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