Warum uns Übertreibung nicht weiterbringt

- Vorträge Psychologie & Spiritualität
Wir leben in einem Zeitalter der Selbstinszenierung. Gerade in den letzten Jahren ist es groß in Mode gekommen, sich selbst und seine Individualität möglichst imposant und schillernd nach außen hin zu präsentieren. Heute setzte ich mich mit Authentizität und Entwicklung auseinander – und den psychologischen Gefahren der Übertreibung.
Heute lautet eine häufige Forderung an uns Menschen: „Wenn du dir selbst etwas wert bist, dann zeige deine Vorzüge.“ Die Gefahr dabei ist: Obwohl wir innerlich noch nicht weit genug gereift sind, meinen wir, dieser Forderung entsprechen zu müssen. In der Folge greifen wir zur Übertreibung und stellen uns als etwas dar, was wir in tiefsten Innern (noch) nicht sind. Meist gewinnen dann auch Äußerlichkeiten an Bedeutung, ein „falscher“ Glanz entsteht. Wir sind nicht mehr authentisch und folgen nicht mehr Buddhas Weg der goldenen Mitte.
Man könnte den Eindruck haben, die eigentliche Persönlichkeit wird um einen „manischen“ Aspekt ergänzt, obwohl sie in ihrem Reifeprozess an einer anderen Stelle steht.
Übertreibung fühlt sich zunächst gut an
Im ersten Moment fühlt sich diese Übertreibung durchaus gut an. Auf Dauer hat sie aber ihren Preis. Zum einem müssen wir ständig fürchten „entlarvt“ und vom Podest gestoßen zu werden. Das macht Angst. Zum anderen ist das Aufrechterhalten dieser Fassade der Übertreibung enorm kräftezehrend.
Denn: Übertreibung verhindert einen wichtigen Entwicklungsschritt. In unserem noch nicht vollendeten Zustand verleugnen wir das, was eigentlich gerade dran wäre. Wir vermeiden diesbezüglich Anerkennung und Akzeptanz. Dies kann so weit gehen, dass wir unsere Schwächen nutzen, um uns positiv darzustellen und uns größer zu machen als wir sind.
Sinn für Harmonie und Wahrheit
Beruhigend dabei ist: Das Leben selbst hat einen Sinn für Harmonie und Wahrheit. Es sorgt stets aufs Neue dafür, dass ein Gleichgewicht entsteht – zwischen Authentischem und unechter Inszenierung. Empfindet sich jemand zum Beispiel seit vielen Jahren als entspannt bzw. weise und gerät ins Wanken, entsteht Ausgleich. Er hat nun die Möglichkeit, nachzureifen.
Ein solches Wanken oder ein Aufprallen auf die Erde kann durch eine innere Erkenntnis oder eine Lebenskrise ausgelöst werden. Wenn dann lange verdrängte negative Emotionen oder Spannungen zum Vorschein kommen, besteht die Möglichkeit der authentischen Weiterentwicklung. Wir können an unseren Schwächen arbeiten und fühlen uns wieder richtig sowie echt.
Trotz des Verlusts einiger Fans in der äußeren Welt empfinden viele Betroffene bald tiefe Entspannung.
Inspiration aus dem Tao te King
Ich habe mich in diesem Zusammenhang vom Tao te King, der Schrift der fernöstlichen Philosophie des Taoismus, inspirieren lassen.
In kursiver Schrift findest du die Originalpassagen, darunter meine Interpretation/Deutung.
Passagen aus dem Tao te King, Vers 24
Von der Übertreibung
Wer auf den Zehen steht, steht nicht gut
Du stehst sicherer auf der Erde als auf einem schäbigen glänzenden Podest
Wer seine Beine spreizt, geht nicht gut
Schließe deine Beine, denn das Lot ist die Sicherheit
Wer sich zur Schau stellt, ist nicht erleuchtet
Zeige was du wirklich bist und du erkennst das Leuchten genau darin
Wer selbstgerecht ist, wird nicht geachtet
Sei dir nicht zu sicher und andere werden dich nach deiner Meinung fragen
Wer sich selbst rühmt, hat keine Ehre
Bleibe in der Demut und setze mit Klarheit dein Handeln. Damit ehrst du dich selbst und wirst geehrt
Wer sich selbst bewundert, hat keine Größe
Bewundere alles um dich herum und erkenne die Größe, in allem was du bewunderst
Im Hinblick auf den rechten Weg ist dies nutzlose Übertreibung. Jeder verabscheut sie
Wenn du der Harmonie mit Übertreibung etwas hinzufügst, ziehst du nur den Ärger der anderen auf dich
Darum: Wer auf dem rechten Weg ist, hält sich nicht damit auf
Wenn du in Wahrhaftigkeit wandelst, verlierst du keine kostbare Zeit für deine innere Entfaltung
Das Fazit lautet: Entwicklung verläuft in Schritten, die nicht übersprungen werden können – weil sich Reifeprozesse nicht abkürzen lassen. Verzichten wir also auf Übertreibung und zeigen uns so, wie wir wirklich sind! Dann gehen wir auch liebevoll mit uns um und verschwenden keine Energie.
Noch mehr zum Thema …
Wir leben in einem Zeitalter der Selbstinszenierung. Höre dazu meinen Podcast #023, hier erfährst Du
- warum Übertreibung heute eine große Gefahr ist
- wieso wir Entwicklungsschritte nicht überspringen können
- dass es nie zu spät ist, um innerlich nachzureifen
